Schule ist wichtig. Aber dein Kind ist mehr als seine letzte Note.
Schule nimmt im Leben eines Grundschulkindes einen großen Raum ein. Hier lernt es nicht nur Lesen, Schreiben und Rechnen, sondern sammelt täglich Erfahrungen damit, wie es an neue Aufgaben herangeht, wie es mit Fehlern und Herausforderungen umgeht, wie es sich in einer Gruppe zurechtfindet und wie es zunehmend Verantwortung für das eigene Lernen übernimmt. Natürlich sind schulische Leistungen dabei wichtig, und ich finde auch nicht, dass man sie kleinreden sollte. Eine gute Note darf Freude machen und eine schlechte Note darf Anlass sein, genauer hinzuschauen.
Aber eine Note erzählt eben immer nur einen Teil der Geschichte.
Hinter einer Leistung steht ein Kind mit einer ganz eigenen Persönlichkeit, mit individuellen Interessen, unterschiedlichen Erfahrungen und Fähigkeiten und mit einer Art zu denken und zu lernen, die sich nicht vollständig in einem Ergebnis auf einem Arbeitsblatt abbilden lässt.
Genau deshalb finde ich die Frage spannend:
Was bringt dieses Kind eigentlich schon mit?
Wenn wir über schulische Leistungen sprechen, schauen wir häufig zuerst auf das Ergebnis
Das ist verständlich. Eine Note ist sichtbar, lässt sich vergleichen und gibt Eltern zunächst einmal eine Orientierung darüber, wie ihr Kind in einem bestimmten Bereich gerade zurechtkommt. Wenn die Leistungen gut sind, freuen wir uns; wenn sie schlechter ausfallen, machen wir uns Gedanken darüber, ob Unterstützung notwendig ist.
Und genau das ist auch richtig.
Wenn ein Kind Schwierigkeiten beim Lesen hat, sollte man hinschauen. Wenn Mathematik dauerhaft Probleme bereitet, sollte man überlegen, welche Unterstützung sinnvoll sein könnte. Wenn ein Kind seine Aufgaben kaum bewältigt oder sich im Schulalltag zunehmend unwohl fühlt, ist es wichtig, die Ursachen ernst zu nehmen.
Stärkenorientierung bedeutet deshalb keineswegs, Schwierigkeiten schönzureden oder schulische Anforderungen für unwichtig zu erklären.
Für mich bedeutet es vielmehr, beides miteinander zu verbinden: Wir schauen ehrlich darauf, wo ein Kind Unterstützung benötigt, und gleichzeitig darauf, welche Fähigkeiten, Interessen und Ressourcen ihm dabei helfen können.
Denn ein Kind ist nicht nur das, was ihm gerade schwerfällt.
Was kann mein Kind eigentlich gut?
Diese Frage klingt zunächst ganz einfach, und trotzdem merken viele Eltern im Gespräch irgendwann, dass sie darauf gar nicht so leicht antworten können.
Natürlich wissen wir, ob unser Kind gerne malt, Fußball spielt, Lego baut oder Geschichten hört. Wir wissen, welches Fach ihm leichtfällt und welches gerade schwierig ist. Wir kennen seine Lieblingsbeschäftigungen und wissen ziemlich genau, was es zu Hause gerne macht.
Aber wenn ich Eltern frage:
„Welche besonderen Stärken sehen Sie bei Ihrem Kind?“
kommt manchmal erst einmal ein längeres Nachdenken.
Nicht, weil die Kinder keine Stärken hätten.
Sondern weil wir im Alltag häufig viel schneller wahrnehmen, was noch nicht funktioniert, als das, was bereits gut gelingt.
Wir merken, dass die Hausaufgaben wieder lange dauern. Wir sehen, dass die Mathearbeit schlechter ausgefallen ist. Wir erinnern daran, dass der Ranzen gepackt werden muss, dass die Aufgaben erledigt werden sollen oder dass das Kind sich beim Lernen konzentrieren muss.
Und dabei geraten die anderen Dinge leicht aus dem Blick.
Vielleicht ist genau dieses Kind unglaublich kreativ und findet für eine Aufgabe eine Lösung, auf die sonst niemand gekommen wäre. Vielleicht kann es sehr gut zuhören und bemerkt sofort, wenn ein anderes Kind Unterstützung braucht. Vielleicht interessiert es sich intensiv für bestimmte Themen und kann sich über lange Zeit damit beschäftigen, während ihm andere Aufgaben schnell langweilig werden.
Vielleicht ist es ein Kind, das nicht sofort loslegt, sondern erst beobachtet und sich einen eigenen Zugang zu einer Aufgabe sucht.
Auch das sind Fähigkeiten.
Und manchmal sind es genau diese Fähigkeiten, auf denen spätere Entwicklung aufbauen kann.
Stärken sind nicht einfach schöne Eigenschaften
Wenn ich von Stärken spreche, meine ich deshalb nicht nur Eigenschaften, die sich gut anhören.
Ein Kind als „kreativ“ zu bezeichnen, ist zunächst einmal schön – aber für mich wird es erst interessant, wenn wir genauer hinschauen.
Woran zeigt sich diese Kreativität?
Findet das Kind beim Bauen eigene Lösungen? Entwickelt es beim Schreiben ungewöhnliche Geschichten? Zeichnet es Dinge, die es vorher noch nie gesehen hat? Verändert es Spiele und erfindet eigene Regeln?
Oder nehmen wir die Stärke „soziale Kompetenz“.
Vielleicht bedeutet sie, dass ein Kind sehr gut vermitteln kann, wenn zwei Freunde Streit haben. Vielleicht merkt es schnell, wenn jemand traurig ist, oder übernimmt ganz selbstverständlich Verantwortung für ein jüngeres Geschwisterkind.
Je genauer wir hinschauen, desto mehr erfahren wir darüber, wie ein Kind seine Fähigkeiten tatsächlich einsetzt.
Und genau dieser Blick interessiert mich.
Denn Stärken können beim Lernen helfen
Für mich stehen Stärken und schulisches Lernen nicht in Konkurrenz zueinander.
Im Gegenteil: Je besser ein Kind seine eigenen Fähigkeiten und seine Art zu lernen kennt, desto eher kann es lernen, diese bewusst einzusetzen.
Ein Kind, das gerne Dinge ausprobiert und praktisch arbeitet, findet vielleicht einen leichteren Zugang zu einem schwierigen Thema, wenn es nicht nur darüber liest, sondern selbst etwas ausprobiert.
Ein Kind, das sehr sprachlich denkt, kann sich Inhalte möglicherweise besser merken, wenn es sie jemand anderem erklärt oder in eine Geschichte einbettet.
Ein Kind, das Zusammenhänge schnell erkennt, braucht vielleicht weniger einzelne Wiederholungen und profitiert stärker davon, wenn es versteht, warum etwas funktioniert.
Und ein Kind, das sehr gründlich arbeitet, braucht möglicherweise eher Unterstützung dabei, mit Fehlern und Zeitdruck umzugehen, als noch mehr Übung in der eigentlichen Aufgabe.
Es geht also nicht darum, einem Kind zu sagen: „Du bist eben kreativ, dann musst du Mathe nicht können.“
Es geht darum, herauszufinden:
Welche Fähigkeiten bringt dieses Kind mit und wie können wir sie nutzen, damit es sich auch an Dinge herantraut, die ihm momentan noch schwerfallen?
Eine schwierige Note kann ein Hinweis sein – aber kein Urteil
Ich finde, wir sollten mit Noten weder zu sorglos noch zu dramatisch umgehen.
Eine einzelne schlechte Note sagt zunächst einmal wenig über die Entwicklung eines Kindes aus. Sie kann uns aber aufmerksam machen und Anlass geben, genauer zu fragen, was dahintersteckt.
Vielleicht hat das Kind den Stoff noch nicht verstanden.
Vielleicht fehlt eine wichtige Grundlage.
Vielleicht war es an diesem Tag unkonzentriert.
Vielleicht hat es Prüfungsangst.
Vielleicht arbeitet es sehr langsam und schafft die Aufgaben deshalb nicht innerhalb der vorgegebenen Zeit.
Vielleicht hat es die Aufgabenstellung nicht richtig verstanden.
Vielleicht steckt aber auch eine länger bestehende Schwierigkeit dahinter, bei der gezielte Unterstützung sinnvoll wäre.
Deshalb interessiert mich weniger die Frage „Warum hat mein Kind diese Note bekommen?“ als die Frage „Was können wir aus dieser Information über unser Kind lernen?“
Denn genau daraus können sich die nächsten sinnvollen Schritte ergeben.
Und manchmal steckt hinter „Ich kann das nicht“ etwas ganz anderes
Gerade bei Grundschulkindern begegnet mir dieser Satz immer wieder:
„Ich kann das nicht.“
Als Eltern möchte man dann natürlich sofort widersprechen.
„Doch, natürlich kannst du das.“
Aber manchmal hilft es, einen Moment länger hinzuhören.
Vielleicht meint das Kind:
„Ich weiß nicht, wie ich anfangen soll.“
Vielleicht hat es Angst davor, einen Fehler zu machen.
Vielleicht hat es die Erfahrung gemacht, dass ihm diese Aufgabe schon mehrfach nicht gelungen ist.
Vielleicht vergleicht es sich mit anderen Kindern und hat das Gefühl, immer hinterherzuhinken.
Oder vielleicht hat es gerade schlicht genug.
Ein Kind, das sagt „Ich kann das nicht“, braucht deshalb nicht immer mehr Übung. Manchmal braucht es zunächst die Erfahrung, dass es Schwierigkeiten aushalten darf, ohne daraus sofort ein Urteil über sich selbst zu machen.
Selbstwirksamkeit entsteht durch Erfahrung
Ein Begriff, der in der pädagogischen Arbeit eine wichtige Rolle spielt, ist Selbstwirksamkeit.
Damit ist vereinfacht gesagt das Vertrauen gemeint, dass das eigene Handeln etwas bewirken kann.
Für ein Kind muss sich das natürlich nicht so kompliziert anhören.
Es erlebt einfach:
Ich habe etwas ausprobiert – und es hat funktioniert.
Oder:
Mein erster Versuch hat nicht funktioniert, aber ich habe eine andere Lösung gefunden.
Oder:
Ich habe jemanden um Hilfe gebeten und konnte danach weitermachen.
Oder:
Ich habe etwas geübt, das mir zunächst schwergefallen ist, und irgendwann konnte ich es.
Solche Erfahrungen sind wichtig, weil sie Kindern zeigen:
Schwierigkeit bedeutet nicht automatisch Unfähigkeit.
Und genau dieses Wissen kann beim nächsten Mal helfen, nicht sofort aufzugeben.
Was Eltern dabei tun können
Dafür braucht es zu Hause nicht ständig neue Förderprogramme.
Im Gegenteil: Viele dieser Erfahrungen entstehen ganz nebenbei im Alltag.
Wenn dein Kind etwas bauen möchte, musst du nicht sofort zeigen, wie es geht. Du kannst erst einmal fragen, wie es selbst vorgehen möchte.
Wenn eine Hausaufgabe schwierig ist, kann es hilfreicher sein, gemeinsam herauszufinden, an welcher Stelle das Problem liegt, als direkt die Lösung vorzugeben.
Und wenn dein Kind etwas besonders gut gemacht hat, lohnt es sich manchmal, nicht nur das Ergebnis zu loben, sondern die dahinterliegende Fähigkeit sichtbar zu machen.
Statt:
„Du bist so schlau.“
könnte man sagen:
„Ich habe gesehen, dass du nicht aufgegeben hast, obwohl es am Anfang schwierig war.“
Oder:
„Du hast eine ganz eigene Lösung gefunden und ausprobiert, ob sie funktioniert.“
Damit bekommt das Kind nicht nur die Rückmeldung, dass etwas „gut“ war, sondern entwickelt nach und nach ein genaueres Bild davon, was es selbst eigentlich kann.
Und genau darum geht es bei einer Potenzialanalyse
Eine gute Potenzialanalyse sollte für mich deshalb nicht darin bestehen, einem Kind am Ende eine Liste mit Eigenschaften in die Hand zu geben.
„Du bist kreativ, empathisch und kommunikativ.“
Das klingt zwar schön, hilft einem Kind aber noch nicht unbedingt weiter.
Viel spannender ist die Frage:
Wie zeigen sich diese Fähigkeiten?
In welchen Situationen kommen sie zum Vorschein?
Was interessiert das Kind wirklich?
Wie geht es an neue Aufgaben heran?
Was gibt ihm Energie?
Was fällt ihm leicht?
Wo braucht es Unterstützung?
Welche Strategien nutzt es bereits?
Und vor allem:
Wie kann das Kind seine eigenen Stärken künftig bewusster einsetzen?
Denn genau darin liegt für mich der Wert einer Potenzialanalyse.
Sie soll nicht einfach ein Ergebnis liefern.
Sie soll einen neuen Blick ermöglichen.
Schule darf wichtig sein – und das Kind darf trotzdem mehr sein
Ich möchte Schule nicht gegen Potenzialentwicklung stellen.
Kinder sollen lernen.
Sie dürfen gefordert werden.
Sie dürfen erleben, dass manche Dinge Übung brauchen und dass nicht jede Aufgabe sofort gelingt.
Sie dürfen Verantwortung übernehmen und lernen, mit Anforderungen umzugehen.
Und gleichzeitig dürfen sie wissen, dass ihre Persönlichkeit nicht an einer Zahl hängt.
Ein Kind kann in Mathematik gerade Schwierigkeiten haben und gleichzeitig ein hervorragender Problemlöser sein.
Es kann beim Lesen noch Unterstützung brauchen und gleichzeitig eine enorme Vorstellungskraft besitzen.
Es kann bei den Hausaufgaben schnell frustriert sein und trotzdem sehr ausdauernd an Dingen arbeiten, die es wirklich interessieren.
Wir müssen uns nicht für eine Seite entscheiden.
Wir können die schulische Entwicklung ernst nehmen und den Blick auf das gesamte Kind behalten.
Vielleicht ist genau das der Unterschied
Wenn wir nur auf Defizite schauen, lautet die Frage:
„Was muss mein Kind noch lernen?“
Wenn wir nur auf Stärken schauen, besteht die Gefahr, Schwierigkeiten zu übersehen.
Ein wirklich hilfreicher Blick verbindet beides:
„Wo steht mein Kind gerade, was bringt es mit und was kann ihm helfen, den nächsten Schritt zu gehen?“
Genau dort beginnt für mich Potenzialentwicklung.
Nicht bei der Vorstellung, dass jedes Kind alles können muss.
Sondern bei der Überzeugung, dass jedes Kind etwas mitbringt, auf dem sich aufbauen lässt.
Mehr als Noten
In meiner 1:1-Potenzialbegleitung für Grundschulkinder möchte ich genau diesen Blick ermöglichen.
Ich lerne dein Kind in einer persönlichen, vertrauten Situation kennen und schaue darauf, welche Stärken, Interessen, Kompetenzen und Ressourcen sich zeigen und wie dein Kind an Herausforderungen herangeht.
Dabei geht es nicht darum, schulische Schwierigkeiten zu ignorieren oder deinem Kind einfach möglichst viele positive Eigenschaften zuzuschreiben. Vielmehr möchte ich gemeinsam mit euch verstehen, was euer Kind ausmacht, was ihm bereits gut gelingt, wo es Unterstützung braucht und welche Möglichkeiten daraus entstehen können.
Im anschließenden Elterngespräch besprechen wir meine Beobachtungen und überlegen gemeinsam, wie ihr die vorhandenen Stärken im Alltag und auch im schulischen Kontext weiter nutzen und entwickeln könnt.
Denn manchmal braucht es nicht mehr Druck, sondern einen genaueren Blick darauf, was bereits da ist.
Und manchmal ist genau dieser Blick der Ausgangspunkt dafür, dass ein Kind sich selbst wieder ein bisschen mehr zutraut.

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